Elfie Semotan Martin Kippenberger – Das Floß der Medusa 1996 Silbergelatine auf Barytpapier Courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne

Martin Kippenberger – Kippi, der mit der Kippe, Künstler von innen und außen

„Ich will Einfluß nehmen, darauf, wie über diese Zeit debattiert wird.“[1]

Martin Kippenberger wurde als das „Infant terrible“ der Kunst des 20. Jahrhundert bekannt. Geboren 1953 in Dortmund, verstarb er schon 1977 in Wien an Leberkrebs. Er wurde Kippi genannt, Ben Becker veröffentlichte gar ein Lied zu Ehren des Künstlers, „Kippi bzw. Kippy-Song“. Kippenberger provozierte, er wurde „Protest-Künstler“ genannt, er forderte heraus, nicht nur mit seiner Kunst, sondern auch mit seinem Lebensstil, seinen Einstellungen und seinem Verhalten. Bekannt war er neben seinem umfangreichen Werk und seinen aussagestarken Arbeiten auch für seinen Alkoholkonsum, seine Zigarettensucht und seine frechen Reden. Maler, Schriftsteller, Musiker, Schauspieler, Tausendsassa, der stetig rastlos wirkte. Er war ein Selbstpromoter, inszenierte sich gekonnt selbst. Doch war das nur eine Fassade? Versuchte er sich selbst zu schützen? War er wirklich, auch im Herzen, dieser Provokateur, oder war er sensibler als er sich gab? Oft sind diese Selbstinszenierungen und selbstgeschaffenen Künstlermythen nur Schutzwälle, errichtete Mauern, um der nicht immer einfachen und auch erschöpfenden Welt der Kunst entgegen zu treten.

Martin Kippenberger vor einer Wandarbeit von Günther Förg, Galerie Max Hetzler, Köln 1985 © Foto: Estate Günther Förg, Suisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2019
Martin Kippenberger vor einer Wandarbeit von Günther Förg,
Galerie Max Hetzler, Köln 1985
© Foto: Estate Günther Förg, Suisse / VG Bild-Kunst, Bonn 2019

 

„Martin Kippenberger hielt entweder eine Zigarette in der Hand oder einen Pinsel, manchmal auch beides.“[2]

Kippenberger inszenierte sich als voruteilbehafteter Künstler, er interpretierte den Künstlertypus auf seine eigene Art. Gleichzeitig aber attackierte er auch den Künstlerbetrieb und seine Mechanismen, so auch sich selbst in seinem Künstlerdasein. So ist das Schaffen Kippenbergers geprägt von Gegensätzen, Ablehnung und  Anerkennung, Hass und Liebe.

 

Ausstellungsansicht Foto: Peter-Paul Weiler, 2019 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
Ausstellungsansicht
Foto: Peter-Paul Weiler, 2019
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

 

Bitteschön Dankeschön

Die Bundeskunsthalle Bonn zeigt derzeit, noch bis zum 16. Februar 2020, eine Retrospektive Martin Kippenbergers, eine umfangreiche Ausstellung „Bitteschön Dankeschön. Eine Retrospektive“, mit einem Überblick über das gesamte Schaffen des Künstlers. Ist es auch ein Blick hinter die Fassade des Künstlerseins Kippenbergers?

In der Ausstellungsbeschreibung der Bundeskunsthalle heißt es, Kippenberger sei einer der vielseitigsten und wichtigsten Künstler seiner Generation gewesen. Kippenberger war der typische Künstlertyp, er vereinte den Mythos mit seinem kompletten Leben, intensiv, exzessiv, dramatisch, mit vollem Bewusstsein für die Folgen daraus. Seine Kunstwerke spiegeln Kippenbergers Seelenleben wider, so ist jedes Werk eine Selbstreflexion an sich. Alle Arbeiten sagen etwas über ihn selbst, sein Leben, sein Umfeld und den gesamten Kontext seiner Zeit aus. Es sind selbstbezogene und persönliche Werke. Auch wird sein eigenes Scheitern Thema.

Ausstellungsansicht Foto: Peter-Paul Weiler, 2019 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
Ausstellungsansicht
Foto: Peter-Paul Weiler, 2019
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Weiteres

Das Museum Ludwig in Köln besitzt Arbeiten Kippenbergers, die es zu betrachten lohnt. „Ohne Titel (Vögel und Panzer)“ entstand 1991 und mutet harmlos an. Es ist eine Dauerleihgabe der Gesellschaft für Moderne Kunst. Die Leinwand zeigt zwei gelbe Vögel, deren Farbe an einigen Stellen dünn aufgetragen wurde und verläuft. Im linken Teil des Bildes befinden sich Linien, zu einer Figur angeordnet. Die Arbeit gehört zu einer Werkreihe, die sich an die Serie „Krieg Böse“ von 1983 anlehnt, hier kritisiert Kippenberger die Verharmlosung der Öffentlichkeit der deutschen Friedensbewegung. Kippenberger war der Überzeugung, dass nach dem zweiten Weltkrieg die Kriege auf der Welt nicht weniger, nur weniger sichtbar wurden und die Deutschen dies nicht wahrhaben wollten. Die Deutschen hatten seiner Meinung nach, keinen Sinn für die Realität und blieben in Sachen Krieg auf der Welt eher naiv. 1991 entstand dann die neue Werkreihe, die sich diese Ältere bezieht, die Kanarienvögel lösten den ursprünglichen in der Serie „Krieg böse“ gezeigten Weihnachtsmann ab. Hierdurch wurde das Werk noch zynischer, noch sarkastischer, durch diese einfache Form der Verharmlosung.

Sympathische Kommunistin, im Museum Ludwig, Köln
Sympathische Kommunistin, im Museum Ludwig, Köln

 

Zum Weiteren befindet sich in der Sammlung die „Sympathische Kommunistin“ von 1983, die auch in der Retrospektive in Bonn zu sehen ist. Dargestellt ist eine junge Frau in sowjetischer Kleidung, mit Kopfbedeckung. Sie könnte jedoch auch fast als Junge durchgehen, ist sie doch sehr androgyn, die Haare kurz und die Gesichtszüge neutral, doch ein Blick auf den Titel löst dieses Rätsel. Es ist eine Soldatin im Profil. Sie trägt eine schwarze Mütze oder Kappe mit dem roten Stern, die Budjonovka, die Kopfbedeckung der sowjetischen Armee. Das Porträt zeigt die typische gewünschte Malweise der sowjetischen Regierung und des Kommunismus. In vorwiegend roten Farbtönen ist das junge Mädchen dargestellt. Es gibt eine ironische Referenz, die Kippenberger so gerne einbaute. Denn das Bild ist in der Zeit des Kalten Krieges, mittendrin, entstanden, in einer Zeit als der Kommunismus nicht sympathisch war unter vielen Teilen der deutschen Bevölkerung und den Amerikanern. Demnach ist das Entstehungsjahr, neben der Malweise, der Symbolik und den Farben eine Referenz zur Ironie des Bildes, zur Kritik am Zeitgeschehen. So sollten die sowjetischen Künstler malen, die Staatsmacht zwang es ihnen auf.

Ein weiteres Werk der Sammlung Ludwig ist eine Installation. Mehrere Stühle aneinander gereiht mit holzigen Kisten auf ihnen gestapelt. Es heißt passend „Reise nach Jerusalem“, 1987 entstanden. Nicht nur die Stühle erinnern an das Kinderspiel, auch die Kisten zeigen Referenzen zu einer Reise. Kisten, in die die eigenen Sachen verpackt werden könnten.

Ausstellungsansicht, Museum Ludwig, Köln, 2018
Ausstellungsansicht, Museum Ludwig, Köln, 2018

 

Früh

Bereits die Ausbildung zum Maler war bei Kippenberger ein heikler, wenn nicht brisanter, Werdegang. Die Schule brach er 1968 ab und seinen Ausbildungsplatz als Dekorateur verlor er aufgrund seines Drogenkonsums. Von 1972 bis 1976 studierte er dann Kunst an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg.  Eine Zeitlang lebte er in Florenz bevor es im Jahr 1977 wieder nach Deutschland, genauer gesagt nach Berlin, ging. Er gilt als Querulant der Kunstszene, vielleicht sogar der Lieblingquerulant. An ihm arbeitete sich die Kunst ab und es scheiden sich die Geister, er polarisiert. War er auch ein Ausnahmekünstler? Kann er so bezeichnet werden, oder bleibt dieser Titel einfach obsolet?

Ohne Titel (aus der Serie Lieber Maler, male mir) 1981 Acryl auf Leinwand Private Collection
Ohne Titel
(aus der Serie Lieber Maler, male mir)
1981
Private Collection

 

„Mich gibt es halt insgesamt und immer sehr eindeutig als lebendes Vehikel.“[3]

Kippenberger beschäftigte sich in seinen Bildern, Installationen, Performances, Skulpturen und Fotografien, ein weitreichendes Schaffen in zahlreichen Kunstformen, mit den verschiedensten gesellschaftspolitischen Themen und wusste immer zu provozieren, nicht zuletzt auch mit seinem ausschweifenden Leben. Der Künstler gehörte zu den Vertretern der sogenannten Neuen Wilden Deutschlands. Er beschäftigte sich in seinen Werken mit der Mythenbildung im Alltag und in der Kunst, dabei fanden historische, ästhetische, kommerzielle und individuelle Zeichen, Symbole und Ikonen Eingang in seine Kunst. So versuchte er im Stile Dadas und Fluxus den Kunstbegriff der damaligen Zeit neu zu erfinden, neu zu definieren oder gar zu zerstören. Zynismus, Humor, Verunglimpfungen, Blasphemie, all dies nutzte Kippenberger in seiner Arbeit um das Ziel der Demontage des Kunstbegriffs zu erreichen. Er ebnete so einen neuen Weg für junge und andersdenkende Künstler.

Personenkult?

Immer mit Zigarette im Mund. Kippi, sein Spitzname, von der Kippe oder seinem Namen abgeleitet. Er war den Süchten ergeben. Alkohol und Nikotin. Diese leiteten ihn und bedeuteten am Ende seinen Tod. Tanzen und Lachen gehörten aber auch zu seinem Leben und so hat er es wohl gelebt. Seine „Selbstbildnisse in Unterhose“ charakterisieren diesen Lebensstil. Skandalös, aber ehrlicher ging es nicht, wahrhaft, verletzlich und ernst. Kippenberger in weißer Unterhose, aufgedunsen.

Er förderte diesen Personenkult um ihn herum. Auch einige seiner Künstlerkollegen wie Markus Lüpertz oder Jörg Immendorff pflegten die Selbstinszenierung als Künstler-und Personenkult. Mythen, Legenden und Geschichten um einen Künstler, steigerten das Interesse. Heute gehört es schon fast zum guten Ton, allerdings nicht in dem übersteigerten Maße von damals, oder ist es mittlerweile Normalität? Hier verschwimmen wohl die Grenzen.

Ohne Titel: Martin Kippenberger (aus der Serie Window Shopping bis 2 Uhr nachts) 1996 Öl auf Leinwand Private Collection
Ohne Titel: Martin Kippenberger
(aus der Serie Window Shopping bis 2 Uhr nachts)
1996
Private Collection

Die Arbeit „Ich kann beim besten Willen kein Hakenkreuz entdeckenvon 1984 ist ein bekanntes Beispiel für Kippenbergers Zynismus und seine spotthafte, humoristische Umgangsweise sich an kritischen und politischen Themen abzuarbeiten. Thema des Werkes ist, wie der Titel schon andeutet, das deutsche Problem mit der eigenen Identität und der Vergangenheitsbewältigung. In Form einer Persiflage erzeugt er Fragen im Geiste der Betrachter. Auch vor einer verspottenden, voller Humor und vor Ironie triefender Thematik der Kirche und Geistlichkeit, schreckte der Künstler nicht zurück. In seiner Arbeit„Zuerst die Füße“ von 1990 zog er den Unmut der katholischen Kirche auf sich, indem er einen Frosch kreuzigte, Jesus als Frosch. Und dann hatte dieser Frosch noch Bierkrug und ein Ei in den Händen. Blasphemie wurde Kippenberger vorgeworfen, auch wurde seitens der Kirche versucht, die Ausstellung der Arbeit zu stoppen. Jedoch die Ausstellungsmacher und Kulturschaffenden setzten sich durch und zeigten das Werk während der gesamten Ausstellungsdauer. Künstlerische Freiheit, denn im Grunde sollte es ein selbstkritisches Selbstbildnis sein.

Das Floß der Medusa 14 Lithografien, vom Künstler überarbeitet 1996 Edition: E.A. IV/VI Deichtorhallen Hamburg / Sammlung Falckenberg Foto: Egbert Haneke
Das Floß der Medusa
14 Lithografien, vom Künstler überarbeitet
1996
Edition: E.A. IV/VI
Deichtorhallen Hamburg /
Sammlung Falckenberg
Foto: Egbert Haneke

 

In den 1980er Jahren gehörte Kippenberger mit Albert Oehlen und Werner Büttner zu einer neuen Art von Künstlern. Sie waren wild, gestisch, politisch, provozierend. Sie gestalteten gemeinsame Aktionsprogramme und arbeiteten zusammen. Sie wollten die Marktmechanismen ad absurdum führen und die Bedeutungsebenen transparenter und überschaubarer machen. Die drei sahen in Ironie und Selbstironie den Schlüssel zum Erfolg und zur Aufklärung. So stellten sie Dummheit, Heuchelei, Doppelmoral, Trivialität, nicht nur in der Kunst, bloß.

„Einen eigenen Stil zu finden, daran hat es bei mir gehapert, bis mir auffiel, dass stillos zu sein auch ein Stil ist, und den habe ich dann verfolgt.“[4]

1978 gründete Kippenberger mit der bekannten Galeristin Gisela Capitain, die seinen Nachlass betreut, das „Kippenberger Büro“ in Berlin. Daneben leitete er die Veranstaltungshalle SO36, ein Treffpunkt der Punkszene. Hier zeigte er Positionen junger Künstler. Daneben publizierte er auch Bücher, seit etwa Mitte der 1980er Jahren, in denen er sich auf absurde und zynische Art mit sich selbst auseinandersetzte. Er wollte Schriftsteller sein, in Paris. 1990 übernahm Kippenberger schließlich eine Gastprofessur an der Städelschule in Frankfurt.

Spät

Ruhe war ein Fremdwort für ihn, wie der kurze Abriss seines Lebens oben erwähnt zeigt. Auf ihn traf eher Unermüdlichkeit zu, Ruhelosigkeit. Er war ein Arbeitstier. Wenn er unterwegs war, war das seine Art Inspiration, unterwegs zu sein, bedeutete für in Austausch, Austausch mit anderen, „Networking“. Sonntage waren ihm zuwider, dann konnte er nicht so unendlich viel arbeiten wie er es wollte. Die Arbeit erfüllte ihn, die Kunst war sein Leben. Seine Schwester Susanne sagte, er sei manchmal ein Tyrann gewesen. Er litt und so mussten auch andere mit ihm leiden, er feierte und so mussten auch andere mitfeiern. Es war seine Form der Künstlerbetreuung.  Kippenberger war nicht gern allein, er suchte die Gesellschaft anderer. Dennoch schien er einsam. Vielleicht daher auch dieses ausschweifende Leben, immer auf der Suche nach etwas zu sein, nach jemandem, nach Gesellschaft, und immer zielstrebig und emsig zu arbeiten, lösten in ihm vielleicht diese Einsamkeit aus.

„Allein zu sein, hat er nicht aushalten können. (…) Sobald er irgendwo hingezogen war – und er zog ständig von einer Stadt in die andere, von Hamburg nach Berlin nach Florenz nach Stuttgart nach St. Georgen nach Köln nach Wien nach Sevilla nach Carmona nach Teneriffa nach Frankfurt nach Los Angeles ins Burgenland – suchte er sich sofort ein Stammlokal, das für ihn Wohn- und Esszimmer war, Büro, Museum, Atelier und Bühne. Sein Heimathafen war die Paris Bar in Berlin, deren Wirt, Michel Würthle, sein bester Freund.“[5]

1987 skizzierte und zeichnete Kippenberger auf Hotelbriefpapier. Das Kölner Chelsea Hotel erlangte dadurch mitunter Berühmtheit als Künstlerhotel. Die Paris Bar in Berlin war eines seiner Stammlokale, es wurde berühmt, nicht zuletzt wegen Kippenberger. Er hinterließ dort ein Wandbild, das er durch einen Plakatmaler verwirklichen ließ und dadurch die Debatte über Authentizität von Werken, die nicht mit eigener Hand ausgeführt wurden, auslöste. Hierdurch durfte er auf Lebzeiten gratis dort essen und trinken, da er nur 44 Jahre wurde, lohnte es sich für den Inhaber wohl mehr.

Ausstellungsansicht Foto: Peter-Paul Weiler, 2019 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
Ausstellungsansicht
Foto: Peter-Paul Weiler, 2019
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

 

Im Jahr 1993 eröffnete er sein eigenes Museum, das Museum of Modern Art auf der Kykladeninsel Syros. Im Jahr 1996 erhielt er den Käthe-Kollwitz-Preis. Kunstkritik übte er selbst, an sich und auch an anderen. Eine Bewertung seiner Kunst durch ein Publikum blieb für ihn dennoch suspekt, obwohl er diese Bewertungen brauchte und auch unbedingt wollte.

Noch später

Kippenberger war nicht offensichtlich politisch wie es beispielsweise Beuys vor ihm war, es sind nur Referenzen, Andeutungen, Malweisen oder Themen- und Motivwahl, die politisch anmuten und eine politische Deutung erlauben könnten. Er gehörte einer subtileren Generation an, die die Kunst für sich sprechen lassen wollte. Er war also nicht aktiv politisch, auch wenn der Betrachter in seinen Arbeiten Botschaften lesen kann und deuten möchte. Martin Kippenberger zeigt die Wirklichkeit unserer Gesellschaft. So bezeichnete ihn der Kunsthistoriker Bazon Brock 1986 als „Bildjournalisten der sozialen Wirklichkeit“. Und unsere gesellschaftliche und soziale Wirklichkeit ist immer auch politisch.

Ausstellungsansicht Foto: Peter-Paul Weiler, 2019 © Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH
Ausstellungsansicht
Foto: Peter-Paul Weiler, 2019
© Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

 

Kippenberger nahm 1997 an der documenta X teil und 2003 war er posthum im deutschen Pavillon der Biennale in Venedig zusammen mit der Fotografin Candida Höfer vertreten. Die erste große Retrospektive in Großbritannien erhielt er 2006 im Tate Modern. Wichtige internationale und nationale Sammlungen besitzen oder zeigen Werke Kippenbergers, so z.B. das Städelsche Kunstinstitut Frankfurt, das Museum Ludwig Köln, das MoMa New York oder das Tate London. Kippenberger lebte eine Zeitlang in den USA und gab Gastvorlesungen an der bekannten Yale Universität.

„Und ich arbeite daran, daß die Leute sagen können: Kippenberger war gute Laune!“[6]

Kippenberger

Die Kunst Kippenbergers ist ganz klar nicht gefällig, nicht schön im klassisch-ästhetischen Sinne, sie ist auch nicht revolutionär. Doch ist sie rebellisch und kompromisslos. Schwierig war Kippenberger und auch seine Kunst ist mitunter nicht leicht, nicht leicht zu verstehen und nicht leicht zu schlucken.

Elfie Semotan Martin Kippenberger – Das Floß der Medusa 1996 Silbergelatine auf Barytpapier Courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne
Elfie Semotan
Martin Kippenberger – Das Floß der Medusa
1996
Courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne
Elfie Semotan Martin Kippenberger – Das Floß der Medusa 1996 Silbergelatine auf Barytpapier Courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne
Elfie Semotan
Martin Kippenberger – Das Floß der Medusa
1996
Courtesy Galerie Gisela Capitain, Cologne

 

Hinter Fassaden, die rau, unbändig, chaotisch und zuweilen selbstzerstörerisch sind, steckt meist ein sensibler und verletzlicher Geist. Die Realität kann hart sein, Flucht erscheint oft notwendig, gerade auch in der Kunst. Ob dies auch auf Kippenberger zutrifft, offenbart die Retrospektive nicht in der Deutlichkeit. Doch hinter den Werken sind die Spuren erkennbar.

Viele trennten bei Martin Kippenberger nicht den Künstler vom Menschen. Doch er war eben ein Künstler durch und durch und so lebte er sein Künstlertum. Ohne Ruhe, immer voll von Ideen, voll von Kreativität. Er liebte Gesellschaft, doch die Einsamkeit war sein Verfolger. Klare Strukturen oder Organisation, diese gab es in seinem Leben nicht, im Gegenteil, er zerstörte sie. Kippenberger war nicht glatt, er war ein Künstler, der aneckte, der Kanten hatte und gerade das, machte ihn speziell.

„Du kannst Dich benehmen wie ’n Arschloch, aber du sollst es auf keinen Fall sein.“[7]

 

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[1]Martin Kippenberger, Ausstellungsinformation Bundeskunsthalle, Bonn, 2019

[2]Lempertz: https://www.lempertz.com/de/kataloge/kuenstlerverzeichnis/detail/kippenberger-martin.html

[3]Martin Kippenberger im Artikel von Susanne Kippenberger https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/martin-kippenberger-zum-20-todestag-die-kunst-war-sein-leben/19482290.html

[4]Martin Kippenberger, Zitat aus 1996 in: „Selbstpoträts“, Köln, 2008, S. 91.

[5]Susanne Kippenberger https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/martin-kippenberger-zum-20-todestag-die-kunst-war-sein-leben/19482290.html

[6]Martin Kippenberger, Ausstellungsinformation Bundeskunsthalle, Bonn, 2019

[7]Martin Kippenberger im Artikel von Susanne Kippenberger https://www.tagesspiegel.de/weltspiegel/sonntag/martin-kippenberger-zum-20-todestag-die-kunst-war-sein-leben/19482290.html

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