Minerva Cuevas

„Antikoloniale Eingriffe“ – Ausstellung der Reihe Hier und Jetzt im Museum Ludwig in Köln

Das Museum Ludwig in Köln realisiert in der Ausstellungsreihe „Hier und Jetzt“ immer wieder gesellschafts-, sozial- und politisch- kritische Ausstellungsprojekte. Die aktuelle Präsentation „Antikoloniale Eingriffe“ beschäftigt sich mit Werken der ständigen Sammlung von Künstlern aus Lateinamerika und ist noch bis zum 5. Februar 2023 zu sehen. Dabei betrachten und erforschen die Künstler und Künstlerinnen Daniela Ortiz (*1985 in Peru), Paula Baeza Pailamilla (*1988 in Chile), Paloma Ayala (*1980 in Mexiko) und Pável Aguilar (*1989 in Honduras) zusammen mit der Kuratorin Joanne Rodriguez die Sammlung des Museums.

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig.
Antikoloniale Eingriffe, Museum Ludwig, Köln 2022
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Benita Ruster

Die Ausstellung

Die vier Künstler*innen untersuchen die Werke der ständigen Sammlung unter dem Aspekt der Kolonisierung Lateinamerikas. Es wird die Geschichte des Museums und deren Sammlung untersucht. Dabei spielt der Diskurs eine wichtige Rolle, dafür wird Raum mit Informationen und neuen Perspektiven auf die Sammlungsgeschichte gegeben. 

Es wird beispielsweise den Fragen nachgegangen, welche Kunst der Sammlung überhaupt aus Lateinamerika kommt, welche Werke kritisch betrachtet werden müssen, welche Machtverhältnisse die Kunst beeinflussen etc. In diesem Zusammenhang wird das Museum als Institution und die Sammlung im Hinblick auf Kunst im kolonialen Kontext betrachtet.

Im gesamten Museum sind „Interventionen“[1] verteilt. Die Künstler*innen stellen den kritischen Dialog zum Kolonialismus und damit verbundenen Rassismus zwischen den Werken der Sammlung und ihren Werken her. Sie versuchen so den Diskurs zu Antirassismus und Aufarbeitung der Vergangenheit herzustellen.

Daniela Ortiz präsentiert ein gemaltes Bild, das eine Referenz zu Max Ernsts „Die Jungfrau züchtigt das Jesuskind vor drei Zeugen“ darstellt. Es ist ihre eigene Perspektive auf das Bild. Pau­la Baeza Pail­amil­la ist eine performative Künstlerin, die in ihren Performances und Videoinstallationen die kulturellen Praktiken ihrer indigenen Vorfahren erforscht. In der für die Ausstellung konzipierten Performance und Videoinstallation beschäftigte sie sich mit der Produktion von Schokolade, was ein direkter Bezug zur Sammlung des Ehepaares Ludwig erstellt, denn Peter Ludwigs Vermögen entstand durch die Produktion und den Vertrieb von Schokolade. 

Pável Aguilar erfüllt das Museum mit Klang und Sound. Zudem setzte er in der Sammlung an unterschiedlichen Orten Güiras[2] (Musikinstrument) mit den Namen unterschiedlicher Künstler wie Max Beckmann darauf geschrieben. 

Figuren aus Ton, die unfassbar sind und während der Dauer der Ausstellung erweitert und auch verändert werden, sind von der Künstlerin Paloma Ayala.

Für die Ausstellung wurde ein Glossar erstellt, das alle Begriffe, die für die Ausstellung von Bedeutung sind, aufgreift und erklärt und sich auf die Themen des Museums als Institution bezieht. 

Marta Minujín
My mattress, 1962
Museum Ludwig, Köln
© Marta Minujín
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/ Marleen Scholten

Hier und Jetzt

Die Reihe „Hier und Jetzt“ ist immer eine Reflexion des Museums selbst und seine Sammlungsgeschichte. In der heutigen Zeit ist das sehr wichtig. „Antikoloniale Eingriffe“ ist die achte Ausstellung dieser Reihe. Lange Zeit wurden Kulturen außerhalb Europas als nicht so wertvoll erachtet wie die europäische Kultur. Von dieser ging alles aus, sie wurde als bedeutend angesehen wohingegen bei anderen Kulturen der Begriff „Primitiv“ angewandt wurde. Dieser Begriff ist hochgradig diskriminierend. 

Viele große europäische Museen beschäftigen sich seit den letzten Jahren mit der kolonialen Geschichte und reflektieren ihre Sammlungen. So zeigte der Prado im letzten Jahr eine Ausstellung mit alter lateinamerikanischer Kunst.

Lateinamerikanische Kunst 

Lateinamerikanische Kunst ist vielseitig und zeigt unterschiedliche Facetten, umfasst werden Kunstwerke aus Mexiko, der Karibik, Mittel- und Südamerika. Die lateinamerikanische Kunst bezog Einflüsse aus europäischer, afrikanischer und amerikanischer Kunst und integriert dieses mit Elementen der eigenen Kultur. Mit lateinamerikanischer Kunst wird oft als farbenfroh, fröhlich assoziiert und man denkt zuerst an Künstler wie Frida Kahlo und ihren Mann Diego Rivera.

Kolonialismus

Der Begriff der Kolonie kommt vom lateinischen Wort „colere“ und wird mit „bebauen“ übersetzt. Zunächst ist es eine positive Herleitung des Begriffs, doch heute ist Kolonisation aufgrund der Geschichte negativ besetzt. Die Bundeszentrale für politische Bildung definiert Kolonialismus folgendermaßen: „ Kolonialismus bezeichnet die Ausdehnung der Herrschaftsmacht europäischer Länder auf außereuropäische Gebiete mit dem vorrangigen Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung. Zwar waren im Zeitalter der Entdeckungen auch missionarische Gründe und der Handel für den K. maßgeblich (seit der industriellen Revolution (Industrialisierung); im Vordergrund stand jedoch immer die Mehrung des Reichtums der Kolonialherren und Mutterländer.“[3]

In der Vergangenheit, nach Entdeckung neuer Länder, domestizierten und beraubten abendländische Großmächte die neuen Länder ihres ursprünglichen Zustands. Dabei wurde nicht nur der Boden und die Natur den albländischen Kulturen einverleibt, sondern auch die Menschen, die dort lebten. Diese wurden ihrer Lebens- und Denkweisen beraubt. So wurden diese indigenen Völker von den vermeintlich höheren Kulturen, so sahen sich die Großmächte, als „primitiv“ eingestuft und unterworfen. 

In den vergangenen 200 Jahren haben zahlreiche europäische Länder wie Frankreich, Spanien, England und auch Deutschland Länder anderer Kontinente, hauptsächlich Afrika, Australien und Amerika erobert und Unterwerfung erzwungen. Dies mit verschiedensten Begründungen wie religiösen Motiven. Die indigenen Völker konnten sich dieser Unterwerfungen und der Übermacht der europäischen Staaten nicht erwehren oder sahen darin keine Notwendigkeit bis zu dem Zeitpunkt, als sie merkten, dass es für sie nichts Gutes bedeuten würde. 

Der Kolonialismus wirkt heute noch nach. In vielen europäischen Ländern fehlt die Einsicht darüber, was den außereuropäischen Ländern und deren indigenen Bevölkerung angetan wurde. So wird Versklavung immer noch heruntergespielt. 

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig.
Antikoloniale Eingriffe, Museum Ludwig, Köln 2022
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Benita Ruster

Heute? 

Welche Auswirkungen hat Kolonialismus nun auf die Kunst? Das ist eine weitreichende Frage. 

Die europäischen Länder haben in der Vergangenheit Länder anderer Kontinente erobert und zerstört, die dort lebenden Menschen missioniert, unterdrückt, versklavt, getötet. Ressourcen und Kulturgüter wurden gestohlen. Die Europäer sagen sich als erhabener an. Das alles hatte auch Auswirkungen auf die Kunst der Länder. Diese beschäftigt sich heute mit den Problemen, die durch Kolonialismus entstanden. Die europäischen Länder jedoch beschäftigten sich kaum mit der Aufarbeitung ihrer Untaten. Heute kommt so langsam das Bewusstsein dafür aber in Schwung. 

Die Ausstellung wirft einen Blick auf die Zukunft. Wie können wir die Vergangenheit adäquat bearbeiten und reflektieren, und dies auf die Zukunft anwenden? 

„Wie kön­nen wir an­tikolo­nial agieren, wenn wir in kolo­nialen Struk­turen operi­eren? Kann ein Mu­se­um mit vor­wie­gend weißen Mi­tar­beit­er*in­nen an­tikolo­nial sein? Sich an­deren Per­spek­tiv­en zu öff­nen kann auch be­deuten, in­di­ge­nen Wis­sens­for­men Raum zu geben — et­wa, um nach­haltige For­men des Lebens und Wirtschaftens im Ein­k­lang mit der Na­tur zu ent­deck­en.“[4]

Der Eingriff der Europäer in das Leben der Menschen der Kolonien und die mitgebrachten und aufgezwungenen westlichen Denkweisen brachten den Kolonialisierten mentale Veränderungen, für Individuum und für die Gesellschaft. Die Denkweisen konnten sich jedoch nicht langfristig durchsetzen.

Der Kolonialismus lebt weiter, in den Köpfen, in unseren gesellschaftlichen Strukturen. Der Rassismus, der eng mit dem Kolonialismus und dem Übermachtsdenken europäischer Staaten verknüpft ist, wirkt weiter. Es herrschen nach wie vor Abhängigkeiten vor, die vielleicht nicht mehr offenkundig sind, jedoch subtil unter der Oberfläche schlummern. 

Paula Baeza Pailamilla
Foto der Performance Cartonier, Zürich, 2020
© Paula Baeza Pailamilla
Foto: José Cáceres

Abschließend

Die Integration der Ausstellung in die Sammlung und die genaue Untersuchung der Geschichte funktioniert ohne zu aufdringlich mit erhobenem Finger die moralische Keule herauszuholen. 

Dekolonialisierung ist ein langer Prozess und er schreitet leider nur sehr langsam voran. Die ehemals kolonisierten Völker haben immer noch mit den Nachwirkungen zu kämpfen. Und die ehemaligen Kolonialmächte zeigen weitestgehend noch zu wenig Verantwortung für ihre Geschichte. Dies immer wieder bewusst zu machen, Konsequenzen einer Kolonialisierung aufzuzeigen und auch in der Gegenwart auszuhalten, ist wichtig. Sich mit Vergangenheit auseinanderzusetzen, ist für das gesellschaftliche Leben unerlässlich. So ist es wichtig, auch die deutsche Geschichte der Kolonialisierung und die negativen Auswirkungen auf unser Leben Hier und Jetzt zu akzeptieren, das zu reflektieren und für die Zukunft zu lernen. 

Vergangenheit wirkt immer in die Zukunft und bestimmt die Gegenwart. 

 [1] Pressetext des Museums

[2] Eine Güira ist ein Schlaginstrument der lateinamerikanischen Musik, besonders beim traditionellen Merengue kommt sie zum Einsatz. 

[3] https://www.bpb.de/kurz-knapp/lexika/politiklexikon/17718/kolonialismus/

[4]Pressetext des Museums

Installationsansicht HIER UND JETZT im Museum Ludwig.
Antikoloniale Eingriffe, Museum Ludwig, Köln 2022
Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln/Benita Ruster

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