Es sind Werke, mit denen der Betrachter sich beschäftigen sollte. Der Zugang ist nicht einfach gegeben, es sind abstrakte Arbeiten und daher spielen hier die erzeugten Emotionen beim Betrachter eine wichtige Rolle. Hintergrundwissen erscheint erforderlich. Die Werke spielen dennoch mit dem Alltag eines jeden. Wichtig ist die sinnliche Erfahrung, die Arbeiten sind hörbar, lesbar, sichtbar, tastbar und sogar riechbar. Die Rede ist von den Kunstwerken der Installationskünstlerin Haegue Yang. Alle wohl konzeptioniert und mit Inhalt gefüllt. Verstehbar werden die Arbeiten durch weitere Informationen zu der Idee.

Das Museum Ludwig in Köln zeigt bis zum 12. August eine umfassende Präsentation der Künstlerin, die mit dem Wolfgang-Hahn-Preis 2018 der Gesellschaft für Moderne Kunst ausgezeichnet wurde. „ETA“ ist die erste umfangreiche internationale Ausstellung der in Berlin und Seoul arbeitenden Künstlerin, rund 120 Arbeiten aus den Jahren 1994 bis 2018 werden gezeigt.

„Bei Haegue Yang hat das Transformative, zwischen Materialität und Entleerung Schwankende, den Ausschlag gegeben. Dieses schwer zu greifende Phänomen des Transformativen setzt sie inhaltlich wie ästhetisch überzeugend um. Es geht uns bei der Verleihung des Wolfgang-Hahn-Preises ja sehr wesentlich darum, Kunst auszuzeichnen, die über das Gegenwärtige hinausweist.“ [1]

Industrielle Produkte, in Serie hergestellt, stellt sie zu Objekten und Installationen zusammen, die häufig den ganzen Raum einnehmen. Hierbei nutzt die Künstlerin, 1971 geboren, verschiedenste Materialien, Alltagsgegenstände und Medien. So werden Leuchten und Lampen mit Ständern, Lametta, Glühbirnen, Glöckchen und anderem zusammengefügt, Elektroventilatoren und Luftbefeuchter oder Fensterjalousien kommen zum Einsatz, auch Texte, Fotografien oder Grafiken werden genutzt.

Die sinnliche Erfahrung des Betrachters steht im Vordergrund. Dieser kann viele der Installationen erfahren durch Hören, Riechen, Tasten und Sehen. Bunte Farben, Bewegungen, Dynamik, Geräusche, die erzeugt werden, Duftsstoffe, die im Hintergrund wahrzunehmen sind. Hinter all dem steckt ein Konzept, eine Idee, die die Werke transportieren wollen. So bleibt es schwierig Haegue Yang einzuordnen, ihr Werk in eine Kategorie einfügen zu können. Heute muss dies aber auch nicht mehr geschehen. Die Vielschichtigkeit und Vielseitigkeit an Ideen und Konzepten sind Vorteile, die heutige Künstler nutzen können. Gerade dies macht zeitgenössische Kunst interessant.

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

„Dabei geht sie der Frage nach, welche Grundannahmen und Verhaltenserwartungen sich in ihnen manifestieren und damit an die Benutzer weitergegeben werden. […] Gleichzeitig unternimmt sie den Versuch, Gebrauchsgegenstände aus ihrem funktionalen Zusammenhang herauszulösen und mit anderen Konnotationen zu versehen. So sind sprachliche und didaktische Prozesse weitere zentrale Aspekte ihrer Arbeit.[2]

Der Titel „ETA“ ist die Abkürzung für „Estimated time of Arrival“ und bezieht sich auf die angekündigte ungefähre Zeit einer Ankunft beispielsweise eines Flugzeuges, allen beständig Reisenden so ein Begriff. Yang reist viel, allein durch ihre zwei Ateliers in Berlin und Seoul, so spielt der Titel auch auf ihre Arbeit als international gefragte Künstlerin in einer globalisierten Welt an und so die ständigen neuen Orte, an denen sie verweilen muss. In der heutigen Zeit ein Aspekt des Lebens für viele Menschen. So sollen auch verschiedene Gefühle wie Nichtzugehörigkeit, Heimatlosigkeit oder Aufbruchsstimmung, Sehnsucht hervorgerufen werden. Heute häufig Wegbegleiter in einer globalisierten Welt, in der es so einfach ist, von einem Ort zum anderen innerhalb kurzer Zeit zu reisen. Doch kommen wir Reisenden auch an?

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

„Ich akzeptiere diese Analyse über mich als Jetsetterin, eine Künstlerin in der globalisierten Kunstwelt. Es entspricht zumindest der Realität. Als ich nach Deutschland kam und anfing zu studieren, änderten sich die Zeiten. Neue Metropolen wie Peking, Kairo, Dakar und Seoul fingen an, eine wichtige Rolle zu spielen. Diese Entwicklung der Dezentralisierung hat mich und viele andere geprägt, ich bin dabei, diese Erfahrung zu durchleben und zu verdauen. Ob diese Lebens- und Arbeitsweise beispielhaft sein kann? Wenn nicht ein positives, dann wohl ein typisches Beispiel dafür, wie irrsinnig das Leben sein kann. Ich reise eigentlich nicht gern, gleichzeitig lerne ich aber so vieles. Für die erlebten Begegnungen, Geschichten und Aktivitäten empfinde ich viel Demut. Sie prägen meine Arbeit sehr, auch wenn ich das nicht eins zu eins übersetze.“[3]

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Bewegungen gehören oft zu Haegue Yangs Werken. Viele ihrer Installationen bewegen sich oder lassen sich bewegen, dabei spielt sie auch mit Langsamkeit und Sillstand. In ihrer Definition gehört auch dies zur Bewegung, nicht alles beinhaltet eine dynamische und schnelle Aktion. Bewegung ist ein wichtiger Teil, der uns Menschen ausmacht. Alles in uns bewegt sich, unser Blut zirkuliert unermüdlich in unserem Körper, unsere Atmung erzeugt eine körperliche Bewegung. Doch auch unser Gehirn, unser Denken ist ständig in Bewegung. Alles am Menschen ist irgendwie verbunden mit Bewegung, sie ist essentiell für das Leben. So nutzt Yang die Bewegungen, auch die ganz kleinen, minimalen, in ihren Werken. Dies birgt nicht nur die Idee das Menschsein zu visualisieren, sondern auch einen Wandel, dem der Mensch untergeordnet ist. Ständig wandelt sich etwas in unserer Gesellschaft, in unserem Leben, in unserem Körper. Bewegung wird so zu einer wichtigen Funktion sowohl für den Mensch als auch für Yangs Werke.

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Jalousien ist ein wiederkehrendes Motiv bei Yang. Jalousien? Ja, warum denn auch nicht? In der Ausstellung im Museum Ludwig zeigt die Künstlerin zwei riesige Arbeiten aus Jalousien, die Bewegungen und Lichtspiele miteinander in Verbindung setzen. Zum einen„Mountains of Encounter“ und zum anderen „Sol LeWitt Upside Down – K123456, Expander 1078 Times, Doubled and Mirrored“.

Ich wollte eigentlich nie auf einen Werkstoff festgenagelt werden. So eine Verbindung ist ja für eine Künstlerin nicht befreiend. Zum ersten Mal habe ich Jalousien 2006 eingesetzt, seitdem ist viel passiert und trotzdem hatte ich immer wieder das Gefühl, noch nicht alles ausgeschöpft zu haben. Man fühlt sich dem Material gegenüber verantwortlich, weil man will, dass es sich vollständig entfaltet. Das resultierte in einer Krise, als ich merkte, dass ich zu gut mit dem Material umgehen konnte. Das war 2014. Ich dachte, es sei das Ende der Jalousienarbeiten.“ [4]

Mountains of Encounter, 2008 Aluminiumjalousien, pulverbeschichtete Aluminiumhängestruktur, Stahlseil, bewegliche Scheinwerfer, Flutlichtstrahler, Kabel Maße variabel Gemeinsame Erwerbung der Gesellschaft für Moderne Kunst und des Museum Ludwig anlässlich des Wolfgang-Hahn-Preis 2018 Installationsansicht, Haegue Yang: ETA 1994-2018, Museum Ludwig, Köln, 2018 © Haegue Yang Foto: Museum Ludwig, Saša Fuis, Köln

Mountains of Encounter, 2008
Aluminiumjalousien, pulverbeschichtete Aluminiumhängestruktur, Stahlseil, bewegliche Scheinwerfer, Flutlichtstrahler, Kabel Maße variabel
Gemeinsame Erwerbung der Gesellschaft für Moderne Kunst und des Museum Ludwig anlässlich des Wolfgang-Hahn-Preis 2018 Installationsansicht, Haegue Yang: ETA 1994-2018, Museum Ludwig, Köln, 2018
© Haegue Yang
Foto: Museum Ludwig, Saša Fuis, Köln

Bei „Mountains of Encounter“ handelt es sich um rote Jalousien, die von der Decke hängen. Die Größe der Installation wirkt monumental. Ein runder Scheinwerfer schwenkt über die Installation hin und her und wirft Lichtkegel sowohl auf die Lamellen als auch auf die Wand dahinter. Es ist eine abstrakte Arbeit, in der Yang die heimlichen Treffen des koreanischen Unabhängigkeitskämpfers Kim San mit der amerikanischen Journalistin Nya Wales aus dem Jahr 1937 aufgreift. Diese Treffen fanden in der Bergregion Yan’an statt, wo die Rote Armee der Chinesen eine Hochburg errichteten. So auch die Verarbeitung roter Jalousien, die Lichtspots versinnbildlichen Suchscheinwerfer, die die Bergregion, die durch die Jalousien dargestellt werden, absuchen. Auch diese Installation löst ein Gefühl aus. Beschrieben wird es als beklemmend und zerrissen.

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Die zweite Installation ist eine Hommage an den amerikanischen Künstler der Minimal Art, Sol LeWitt. Er schuf Skulpturen aus Metall und Holz, die zu Gittern angeordnet waren und so dem Raum eine neue Struktur verliehen. So wirkt auch die riesige Installation Yangs, hier spielt sie mir der Raumstruktur, die durch weiße Jalousien vergittert wirkenden Kuben ordnet sie untereinander, nebeneinander und zu einem großen Gefüge an. Das Werk wirkt clean und kühl. Es ist nur eine Arbeit einer ganzen Werkreihe.

„Ich habe die minimalistischen „Modular Structures“ des amerikanischen Künstlers Sol LeWitt (1928–2007) mit der Jalousie uminterpretiert. Das war eine Art Appropriation, ich musste nicht selbst komponieren. So konnte ich mich von dem routinierten Umgang mit dem Material befreien.“ [5]

Eine wichtige Arbeit im Werk der Künstlerin ist „Storage Piece“. Verpackte Arbeiten, gestapelt auf Paletten, zusammengefügt zu einer Installation aufgrund Geldmangels konnte es nicht transportiert werden. Ein Jahr später verkaufte Yang diese Installation so verpackt weiter.

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Die Künstlerin studierte am Fine Arts College der Seoul National University in Seoul, dort beendete sie ihr Studium 1994 mit einem Bachelor of Fine Arts. Im Anschluss wurde sie Meisterschülerin bei Georg Herold an der Städelschule in Frankfurt. Die 1971 geborene Künstlerin nahm im Jahr 2012 an der 13. Documenta teil und bereits 2009 vertrat sie Südkorea, ihre Heimat, auf der Biennale in Venedig. Unter anderem das Centre Pompidou in Paris, das Kunsthaus Bregenz, das Haus der Kunst in München, die Schirn Kunsthalle in Frankfurt oder das Walker Art Center in Minneapolis zeigten ihre Werke in Einzelausstellungen.

Installationsansicht Haegue Yang: ETA 1994–2018. Wolfgang-Hahn-Preis 2018 Museum Ludwig, Köln, 2018 © Haegue Yang Foto: Saša Fuis, Köln

Installationsansicht Haegue Yang: ETA 1994–2018. Wolfgang-Hahn-Preis 2018
Museum Ludwig, Köln, 2018
© Haegue Yang
Foto: Saša Fuis, Köln

Haegue Yangs Werk ist nicht einfach, es ist nicht für jedermann zugänglich. Muss es das denn auch? Ihre Arbeiten sind intellektuell, spannend und fordern den Zeitgeist heraus, obwohl mit einfachsten und gängigen Materialen, die jeder kennt und bereits verwendet hat. Doch dadurch, dass Yang diese einfachen Materialen zusammenführt und abstrahiert, so auf eine andere Bedeutungsebene hebt, wird es schwieriger und nicht sofort verständlich. Das macht die Ausstellung auch erst interessant. Muss denn alles heute einfach sein? Gerade in der Kunst kann doch der Betrachter in Wahrnehmung und Geist herausgefordert werden.

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

Haegue Yang, Ausstellungsansicht, Foto: Sabrina Tesch

 

[1]Statement von Mayen Beckmann, Vorstandsvorsitzende der Gesellschaft für Moderne Kunst

[2]Isabel Podeschwaüber Haegue Yang: http://m4.manifesta.org/de/projects/artist1131.html

[3]Haegue Yang im Interview: https://www.tagesspiegel.de/kultur/gespraech-mit-der-kuenstlerin-haegue-yang-geistertanz-im-kesselhaus/20533554.html

[4]Haegue Yang im Interview: https://www.tagesspiegel.de/kultur/gespraech-mit-der-kuenstlerin-haegue-yang-geistertanz-im-kesselhaus/20533554.html

[5]Haegue Yang im Interview: https://www.tagesspiegel.de/kultur/gespraech-mit-der-kuenstlerin-haegue-yang-geistertanz-im-kesselhaus/20533554.html