Nicht einfach nur Gesichter – das Porträt in der bildenden Kunst

Selfie "Ich"

„Schönheit liegt im Auge des Betrachters.“,

besagt ein bekanntes Sprichwort. Diese Redensart manifestiert sich buchstäblich in der Gattung des Porträts. Denn erst durch das Betrachten wird das Porträt zum Bildnis, zur Reflexion, zur Präsentation von Etwas beispielsweise einem Menschen und seiner Persönlichkeit. Der Künstler, der das Bildnis schafft, ist zunächst ein Betrachter und entwickelt das Bild so, wie er die dargestellte Person, den dargestellten Gegenstand oder auch die dargestellte Landschaft, die er porträtiert, wahrnimmt und sieht. Wie sie in seinen Augen erscheint. Die Schönheit des Dargestellten und letztlich des Porträts ist eine Beurteilung, eine Beurteilung zunächst durch den Künstler, den Erschaffer des Porträts, und schließlich unterliegt die Beurteilung der Schönheit dann im Auge des Betrachters. 

Porträt, eigentlich ein gängiger und häufig gebrauchter Begriff. Vor allem in der Kunst und in der Literatur ist es ein weit verbreitetes Genre und recht beliebt. Vor der Fotografie gab es nur die Möglichkeit durch Malerei eine Person oder einen Gegenstand mittels eines Bildes die Erinnerung wach und lebhaft zu halten. Im weiteren Sinne der Definition kann ein Porträt zahlreiche Gegenstände und Personen widergeben, in Form von bildender Kunst, Literatur oder gar darstellender Kunst. Im engeren Sinne jedoch beschränkt sich das Porträt meist auf Menschen bzw. Persönlichkeiten in der bildenden Kunst.

Was genau ist ein Porträt in der bildenden Kunst und was ist seine Funktion? Warum werden Menschen abgebildet und vielleicht in Bildform an die Wand gehängt? Und ist Porträt eigentlich immer gleich Porträt? 

Das Porträt gehört zur Kunstgeschichte wie die Fantasie zum Lesen. In der Malerei, der Bildhauerei oder auch der Fotografie gehört es zum Repertoire, es ist eines der wichtigsten Instrumente, etwas zu vermitteln und zu zeigen. Menschen in ihrem Aussehen und ihrer Gestalt einzufangen. Erinnerungen zu schaffen und etwas zu zeigen. 

„… die bedeutendste Konstante ist wohl, dass es bei dem Porträt in der Malerei, aber auch vielleicht in der Skulptur grundsätzlich darum geht, ein Abbild zu schaffen und dieses Abbild gewissermaßen mit zwei Problemen kämpfen muss, nämlich einmal Wirklichkeit abzubilden und das innere Wesen in dem Porträt sichtbar werden zu lassen; der Begriff ‚Porträt‘ kommt ja von ‚protrahere‘, herausziehen – also das Nichtsichtbare sichtbar zu machen, Wirklichkeit darzustellen und zugleich – und das ist der Konflikt – natürlich Idealisierung und gegebenenfalls auch Überhöhung anzustreben, also die Figur zu interpretieren. Gelegentlich auch zu nobilitieren und also von der tatsächlichen Erscheinung, dem tatsächlichen Wesen vielleicht auch dann wieder abzusehen“.[1]

Das Porträt umfasst viele Formen und Varianten, und hat eine lange Entwicklung und Tradition hinter sich. Es ist heute aber moderner denn je, allein schon durch das Entstehen des sogenannten Selfies. Es dokumentiert und hält das Zeitgeschehen in manchmal subtiler Weise fest. Es sind nicht einfach dargestellte Gesichter von Menschen aus verschieden Epochen, es sind Persönlichkeiten, Karikaturen, Idealvorstellungen, auch Ereignisse manifestieren sich in ihm. Das Porträt gibt Auskunft über Rollenverhältnisse, gesellschaftliche Zusammensetzungen und politische Hierarchien. 

Als Vermittler von Botschaften wurde das Porträt in vergangenen Zeiten und auch heute gerne ge- und benutzt. Politische Machtverhältnisse oder sakrale und profane Zuordnungen ließen sich damit betonen, manchmal versteckt und verschleiert und manchmal ganz offen und vordergründig. En Face (Vorderansicht), Halbprofil, Dreiviertelansicht oder Profil sind die Drehungen des Kopfes, anhand derer ein Porträt am schnellsten und ersichtlichsten unterschieden werden kann. Im engeren Sinne ist ein Porträt wie bereits erwähnt ein künstlerisches Bildnis. 

Die beliebteste Form ist das Einzelporträt, das in Vorderansicht gemalt ist. Auch hier gibt es viele Varianten und Formen, jedoch immer leicht kategorisierbar.

Im Grunde ist ein Porträt nahezu jede Verbildlichung eines Menschen oder jedes Festhalten einer Person auf einem Untergrund in verschiedenen Formen, gemalt oder auch zum Beispiel in Textform. Auch Fahndungsfotos sind demnach Porträts, auch Texte über eine Person und deren Beschreibung werden Porträts genannt. Und natürlich Selfies, Bilder des eigenen Ichs in der heutigen Zeit, sind Porträts. Auch hier ist festzuhalten, dass diese den Zeitcharakter festhalten und etwas über die jeweilige Zeit und die Umstände widerspiegeln.

Francisco de Goya hatte als Hofmaler den Mut, die spanische Königsfamilie realistisch darzustellen, also tatsächlich hässlich. Viele Porträtisten idealisierten oder verschönerten, dem zeitgenössischen Photoshop gleich, die Bildnisse, um keinen Unmut auf sich zu ziehen. Ehrlichkeit war, ist und bleibt demnach ein seltenes Gut.

Bereits im Altertum gab es Porträts. In der Antike gab es sie dann hauptsächlich in Büstenform oder als Münzen. Ab dem 15. Jahrhundert hatte das Porträt dann eine Blütezeit, das besonders in den Niederlanden. Dann gab es nochmal eine Hochzeit im Barock, 17. und 18. Jahrhundert. Die Biedermeierzeit des 19. Jahrhunderts zeigte gerne das Familienleben im Privaten in Bildnisform.

Eine besondere Form des Porträts ist das Selbstporträt. Der Künstler, der sich selbst malt. Dies gibt viel der Psyche des Schöpfers preis. Wie sieht sich der Künstler? Welche Charaktereigenschaften veranschaulicht er selbst in dem Bild? Was will er von sich zeigen, was vielleicht verheimlichen? Und auch Gruppenbilder oder Bildnisse, die die Familie darstellen, sind als Porträts zu kategorisieren.

„Es entwickelt sich am Beginn der Neuzeit, also mit dem späten vierzehnten Jahrhundert, Beginn des fünfzehnten Jahrhunderts, dann namentlich auch in den Niederlanden und in den mittel- und nordeuropäischen Gebieten, ein Bewusstsein davon, dass der Mensch um seiner selbst willen abbildungswürdig ist, also losgelöst von Kontexten religiöser Art etwa, wo sich auch dann die Raumfülle, wenn man so will, des Porträts oder des Porträtierten steigert vom Profil zum Dreiviertelporträt bis zur en-face-Ansicht, die dann bald auch zu größeren Formaten führt, die also das Hüftstück oder auch später im sechzehnten Jahrhundert die Ganzfigur entstehen lässt. Das ist Ausdruck eines ganz gewandelten Menschenbildes; man bringt das in Zusammenhang mit dem Nominalismus, also jener an der Wirklichkeit orientierten Empirie, die auch den Menschen in seinem eigenen Recht plötzlich als Gegenstand der Kunst entdeckt.“[2]

Diego Velázquez: "Las Meninas"
Diego Velázquez: „Las Meninas“

Zahlreiche Künstler bedienten sich dem Mittel des Porträts um bekannter zu werden, ihre eigenen Stellungnahmen, versteckt oder offen, kund zu tun oder aber einfach um einen Auftrag zu erfüllen. Sie trugen zu der Entwicklung und auch zu der ganzen Vielfalt in Bezug auf die Gestaltung bei.

Vincent van Gogh: "Selbstbildnis"
Vincent van Gogh: „Selbstbildnis“

Francis Bacon arbeitete in einem Porträt auf seine ganz eigene Art und Weise. Er zerriss, zerfledderte, entmenschlichte seine dargestellten Personen. Es war seine Art die Gewalt, die er zeit seines Lebens erlebte, zu verarbeiten. Auch Pablo Picasso schuf Bildnisse in eigener Handschrift, in den dargestellten Gesichtern und Körpern kombinierte er mehrere unterschiedliche Perspektiven, wodurch fast abstrakte Menschen entstanden.

Für die heutige Zeit ist das Porträt sehr hilfreich und anschaulich. Es zeigt uns heute sehr viel über die Entstehungszeit. Zunächst natürlich oberflächlich: Was war in vergangenen Zeiten Mode? Wie trugen die Frauen und Männer ihre Haare? Welchen Schmuck fanden die Menschen damals schön, opulent oder eher schlicht? Doch auch Näheres über das Zeitgeschehen und die Personen wird deutlich: Was für ein Herrscher war der Dargestellte, denn wie er sich zeigte, sagt eine Menge aus? Welche Kirchenmänner hatten in der Zeit das sagen? Wie ließen sie sich darstellen? Waren es Menschenfreunde?

Die Funktionen eines Porträts sind recht vielseitig, diese hängen davon ab für wen und für was sie bestimmt waren, also den Gebrauchskontext. Häufig dienten sie dazu, an die dargestellte Person oder Personen zu erinnern, besaßen einen memorialen Charakter. Die Dargestellten waren durch bestimmte Voraussetzungen wie zum Beispiel den sozialen Rang, eine Hochzeit oder eine besondere Tat abbildungswürdig. In der Politik wurde und wird das Herrscher- bzw. Regierungsbild benutzt, um Macht und Rang zu veranschaulichen, ist demnach ein staatliches Symbol. Mittel sind hier nicht nur Gemälde oder Büsten, auch Münzen oder Briefmarken können für diese Art des Porträts genutzt werden. In einigen Staaten und in einigen Zeiten wurde hierdurch ein Personenkult evoziert und geschaffen. Besonders in der Romantik hatte das Porträt die Funktion freundschaftliche und familiäre Beziehungen zu festigen, zu erneuern und rund um die Personen Verbindungen zu schaffen.

Letztlich ist es wichtig in der Einordnung eines Porträts zu verstehen, in welchem Kontext es entstanden ist, wer der Auftraggeber und wer der Dargestellte ist. Und natürlich für welche Augen das Porträt geschaffen wurde. Erst mit diesen Informationen wird es verständlich. Auch erst dann ist der Grund für die Entstehung deutlicher erkennbar. 

Es ist nicht nur ein Abbild, es ist nicht nur eine Darstellung einer Person oder ein Gesichtes. Das Porträt ist ein Vermittler, es zeigt Charakter und Wesenszüge und kann eine Botschaft oder einen Inhalt transportieren, ganz subtil, oft unter der Oberfläche des Gezeigten. 

In der Porträtkunst gab es das ein oder andere Mal Debatten darüber, ob ein Porträt die Wirklichkeit und das reale Antlitz darstellen sollte oder ob es in seiner Funktion idealisieren sollte. Gerade im 19. Jahrhundert in Frankreich, als die Kunst von der Frage beherrscht wurde, ob ein Bild durch Reglements bestimmbar sei, wurde die Diskussion lauter. Zum einen gab es die Verfechter der idealisierten Schönheit, gerade durch die Zeichnung und Linie und zum anderen die Modernisten, die die Kunst durch Farbe und Momentaufnahmen lockern wollten. 

Das Porträt hat zwar nicht mehr die Wichtigkeit, die es beispielsweise im 17. oder 19. Jahrhundert in der Kunstgeschichte hatte, dennoch spielt es auch im 20. bzw. 21. Jahrhundert eine wichtige Rolle und bleibt noch eines der Gattungen der Malerei, die Künstler immer wieder gerne aufgreifen. Nicht mehr nur gemalt, nun auch in Form von Videos, Fotografien oder anderen Medien. 

Martina Thoms: "Untitled", Detail
Martina Thoms: „Untitled“, Detail

Es ist sicherlich keine gewagte These für die Zukunft zu behaupten, das Porträt gerate nie aus der Mode. Es hat in der Vergangenheit einen extremen Wandel erlebt, veränderte sich stetig, doch blieb das Porträt immer lebendig und fand seine Anhängerschaft. Heute in anderen Formen und Varianten. Aber es wird immer Veränderungen und Entwicklungen unterliegen, es wird jedoch in der Kunst sicherlich immer einen besonderen Stellenwert besitzen. Und es wird bestimmt immer wieder genutzt werden, um uns Menschen näher zu bringen. Es ist ein Weg bzw. eine eigene Form Mythen, Idealisierungen zu schaffen oder aber die Realität abzubilden. Eine Erinnerung wird es in jedem Fall schaffen. Und schließlich ist ein gemaltes Porträt in der Hochwertigkeit im Gegensatz zu einem flüchtigen Selfie nicht zu toppen, oder?

[1]Prof. Dr. Andreas Beyer,“Das Porträt in der Malerei, Hirmer Verlag, Klappentext

[2]Martina Wehlte: Prof. Dr. Andreas Beyer “Das Porträt in der Malerei, Hirmer Verlag, KlappentextProf. Dr. Andreas Beyer