Er war ein Gentleman mit einer dunklen Seite, ein Dandy, der den Alkohol und das Glücksspiel liebte: Francis Bacon. Der Maler mit irischer Abstammung gehört zu den bedeutendsten und auch zu den teuersten Künstlern des 20. Jahrhunderts. In seinen Bildern setzte er sich mit dem menschlichen Körper, menschlichen Leiden und Schmerzen und Räumen auseinander.

 

Francis Bacon im Museum Ludwig in Köln

Francis Bacon im Museum Ludwig in Köln

In seinem Werk verarbeitete Bacon häufig traumatische Erlebnisse seines Lebens. In seiner Jugend lebten er und seine Familie in Dublin, wo er 1909 geboren wurde, und London, er erlebte die Großstadt und ihre Verführungen. Er wuchs ohne regelmäßige Schulbildung und streckenweise sich allein überlassen auf. Mit 15 oder 16 Jahren soll er von einem Stallburschen verführt worden sein, als sein Vater davon erfuhr, dass Francis schwul war, soll er ihn rausgeschmissen haben, so tingelte Bacon seither durch Berlin, Paris und London und verdiente sein Geld mit Gelegenheitsjobs und zwielichtigen Anstellungen, verfiel des Öfteren dunklen und bösartigen Männern. „Es gab so viel Krieg in meinem Leben“, sagte Bacon selbst. Doch über allem ragt seine Malerei, die alles zu erkennen scheint. In Berlin begann er zu zeichnen und setzte sein Malen in allen seinen Lebensstationen fort. All diese dunklen Facetten seines Lebens und die Gewalt integrierte und verarbeitete er in seiner düsteren und beängstigend wirkenden Malerei. Die Gewalt nahm bei Bacon einen wichtigen Aspekt ein, subtil und auch bewusst war sie immer spürbar. Der Tod als Schicksal des Menschen, unvermeidbar, bei Bacon vorgedeutet in exzessiver Kumulation von verkrüppelten, fleischigen, blutigen, zerstörten und verfallenen menschlichen Körpern. Bacon begann autodidaktisch Ende der 1920er Jahre mit der Malerei. Sein Atelier war das reinste Chaos, eher eine Müllhalde aus Farben, Pinseln und Leinwänden, das belegen einige Fotografien.

Francis Bacon in der Fondation Beyeler, Schweiz

Die Hintergründe seiner meist in Öl auf Leinwand ausgeführten Werke sind häufig Farbflächen und einfache geometrische Formen. Im Mittelpunkt stehen Menschen, Figuren, deren Körper und Gesichter häufig verzerrt sind oder in Fleischklumpen aufgelöst. Die Hintergründe sind im Gegensatz zu den Figuren starr und statisch, die Menschen hingegen dynamisch und fließender. Zurückgeführt auf ein anonymes Wesen ohne erkennbare Individualität im Gesicht. „Ich möchte, dass meine Bilder so aussehen, als sei ein menschliches Wesen durch sie hindurchgegangen, wie eine Schnecke, eine Spur von menschlicher Anwesenheit und die Erinnerung an vergangene Ereignisse zurücklassend, so wie die Schnecke ihren Schleim zurücklässt“.

Manchmal wirken die Bilder wie tote Kadaver in einer Schlachterei. Die Schrecken des Antlitzes verdeutlicht. Es ist purer Schmerz, versinnbildlicht durch verzerrte und verwaschene Konturen. Es sind plasmenartig-amorphe Figuren und Körper, manchmal auch nur Körperteile. Der Mensch wird entfremdet, nicht mehr kenntlich. Ein ganz eindeutiges Stilmittel, um die Entmenschlichung durch Gewalt, körperlich oder seelisch, zu verdeutlichen. Steht das für ein Leiden ohne Sinn? Der Hintergrund ist oft in geometrische Formen eingeteilt und umgibt die Figur wie ein Käfig, oder angedeutete Räume mit perspektiveschen Fluchtpunkten teilen die Leinwand auf. Es gibt keine Geschichte, die erzählt werden soll, kein narratives Moment. Bacon zeigt nur auf, gibt dem Betrachter Anlass nachzudenken, aber nicht in Form einer Geschichte.

Francis Bacon und Alberto Giacometti in der Fondation Beyeler, Schweiz

„Ich sehe Bilder in Serien. Ich vermute ich könnte über das Triptychon weit hinausgehen und fünf oder sechs nebeneinander stellen, halte aber das Triptychon für eine ausbalancierte Einheit.“ Bacon begann im Laufe seines Arbeitens seine Werke mehrteilig anzulegen, ungefähr ab den 1960er Jahren, meist sind es Triptychen. Die Teilwerke sind jedoch einzeln gerahmt. In seinen Porträts, oft  Freunde, die Bacon als Modell dienten wie der Künstler Lucien Freud, entfremdet er die Personen durch beispielsweise Schraffuren oder auch hier geometrische Formen. „Weil ich immer hoffe, die Leute so umzuformen, dass ihre Ausstrahlung deutlich wird; ich kann sie nicht wörtlich abmalen“. Bacon erhoffte sich dadurch dargestellte Gefühle zu intensivieren.

Detail, Francis Bacon in der Fondation Beyeler, Schweiz

Francis Bacon, Bildausschnitt aus Buch

Francis Bacon, Bildausschnitt aus Buch

Bacon studierte Bewegungsabläufe genau und stützte sich oft auf Fotografien und Skulpturen. So wirken auch seine Menschen in einer Bewegung, fließend und dynamisch. Dabei setzt er die Bewegungsabläufe übereinander, quasi doppelt, so als fotografiere man mehrere Bilder in einer einzigen Aufnahme, ein fließendes Bild entsteht. Die Bilder sind nie steif oder starr. Beeinflusst wurde Bacon durch die Werke von Pablo Picasso, Max Ernst oder Giorgio di Chirico. Sie leiten in eine phantastische Welt, in eine Malerei, die nicht realistisch Wahrnehmbares darstellen sollte. Seine Malerei polarisierte immer wieder, das lag wohl vornehmlich daran, dass sein Werk aus der Malerei der Zeit heraus stach und kein Künstler vor ihm den Gewaltaspekt und das Psychologische so herausarbeitete wie Bacon es tat. Effekte wie Unschärfe oder Verwackelungen entnahm Bacon der Fotografie und integrierte sie in seine Malerei.

Francis Bacon in der Fondation Beyeler, Schweiz

Das im Museum Ludwig ausgestellte Werk hat einen gelben und grauen Hintergrund, der durch die Zentralperspektive und den Fluchtpunkt wirkt, als sei es ein langgezogener Flur, strukturiert wie üblich in einfachen geometrischen Formen. In der Mitte befindet sich eine Figur mit verzerrtem Gesicht, über dem Kopf ein ausgebreiteter Regenschirm, darüber ausgebreitet und aufgehangen zwei Hälften eines toten Kadavers, pures Fleisch, direkt erkennbar als solches. „Und selbstverständlich wird man als Maler ständig daran erinnert, dass die Farbe von Fleisch tatsächlich sehr, sehr schön ist. […] Nun, wir sind ja schließlich selbst Fleisch, potentielle Kadaver.“, sagte er einst. Fleischstücke mit Rippen liegen auch auf beiden Seiten der Figur, die männlich zu sein scheint. Vielleicht ist es Bacon selbst? Die Figur trägt einen Trenchcoat und ist mit grobem und verwischtem Pinselstrich aufgetragen. Das Bild stammt aus dem Jahr 1946, ein Jahr nach Ende des zweiten Weltkrieges. Sind so die Fleischstücke metaphorisch für Tod und Gewalt? Für den Krieg und dessen Gräuel?

Francis Bacon verstarb am 28. April 1992 in Madrid in Folge eines Herzinfarktes.

 

Francis Bacon in der Fondation Beyeler, Schweiz